Test – Camp Race 290

Kann das leichteste Steigeisen der Welt überzeugen? Die Frage ist nicht so sehr, ob es gegen die Konkurrenz bestehen kann, denn die lässt allein das Gewicht schon alt aussehen. Vielmehr fraglich, ob es das notwendige Vertrauen erwecken kann.DSC_0349

Die Diskussion bei Leichtgewicht-Material ist häufig, was man an Sicherheit aufzugeben bereit ist, um schneller zu sein. Mit der Geschwindigkeit folgt eine kürzere Zeit gegenüber objektiven Risiken. Daraus folgert man dann, eine höhere Sicherheit erzielt zu haben. Die Bergsport-Arithmetik geht dann auf, wenn die kürzere Zeit tatsächlich erzielt werden kann und die Materialwahl mindestens ausgleicht, wenn nicht sogar übertrifft.

Ein Beispiel: Um über eine objektiv gefährdete Stelle zu gelangen – sei es Hang, Seillänge oder eine beliebige andere Situation in den Bergen – benötige ich 15 Minuten. Ich kann die Stelle auch nicht umgehen. Durch jahrelanges Verschlanken meiner Ausrüstung habe ich es geschafft, beim Biwaksack, Trinkflasche, Handschuhen und allen weiteren Gegenständen 2,5 Minuten herauszuholen.

Ich bin der Gefahr also nur noch 12,5 Minuten ausgesetzt, während ich beim Material noch keine Abstriche hinsichtlich Funktion gemacht habe (es ist nunmal Fakt, dass eine 3 Lagen Jacke heute nur noch ein Bruchteil dessen wiegt, was Goretex XCR auf die Waage brachte).

Beim Studium des Wetterberichts fällt mir auf, dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Daunenjacke benötigen werde. Eine Hardshelljacke muss auch nicht sein. Gibt vielleicht weitere 0,5 Minuten (es handelt sich bei den Zahlen natürlich nur um grobe Schätzungen, wenngleich ich die Wattzahlen doch gern analysieren würde, bin jetzt aber zu faul und bringt uns auch nicht weiter).

Jetzt habe ich 0,5 Minuten mit mehr Risiko erkauft. Wenn der Wetterbericht falsch ist, ein Sturm aufzieht, ich biwakieren muss… dann hätte ich ab 2 Uhr nachts sicher nichts gegen eine Daunenjacke einzuwenden.

Die ersparte Zeit gegenüber der gefährlichen Stelle muss mich also mindestens besser dastehen lassen als die abwesende Daunenjacke im Fall des Schlechtwetters.

Soweit zum Kalkül.

Ein paar Sachen im Rucksack haben immer besondere Bedeutung. Sie sind das, was der Schweizer „matchentscheidend“ nennt. Steigeisen gehören zweifelsohne dazu. Wenn man auf eisige Verhältnisse trifft sind sie der Unterschied zwischen weitergehen und umkehren.

Manchmal hat man sie nur als letzte Reserve dabei. Manchmal ist von Beginn an klar, dass man sie brauchen wird und vermutlich den ganzen Tag am Fuss hat. Beim Camp Race 290 reden wir sicher eher über die letzte Reserve als über ein Eiskletter-Steigeisen. Mit 376 Gramm ist das Paar um den Faktor 2,5 leichter als das Grivel G12 Steigeisen. Mit letzterem könnte man über den Montblanc wandern, mit dem Camp Steigeisen würde ich es nicht machen (was nicht heisst, dass es nicht gehen könnte!!!).

Beim Skitourengehen jedoch, wenn die Gipfelflanke vielleicht, vielleicht aber auch nicht vereist ist, ist es die richtige Wahl. Nicht den ganzen Tag ein Kilo Eisen schleppen zu müssen, macht einen riesigen Unterschied. Hier ist klar ins Feld zu führen: Die Race 290 sind filigran, perfekt abgestimmt um mit geringstem Packmass verstaut zu werden. An dieser Stelle Hochachtung an Camp. So gut packen können sonst nur die Macher der Kinder Überraschungseier (Banana for scale):

Packmass

Das Eisen anzulegen wird durch die Farbkodierung erleichtert (rechts und links).

Wäre es ein Schuh, könnte ich beschreiben, ob es sich gut trägt. Sagen wir so: Es schmiegt sich gut an. Durch die Dyneema Verbindung ist hinreichend Flexibilität da, um der Sohlenform zu folgen.

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Es braucht einiges probieren, bis man die richtige Spannung des Schlingenmaterials erreicht hat, damit man auf der einen Seite leicht in das Eisen kommt, gleichzeitig aber nicht herausrutscht. Zur Einstellung muss man die beiden im Bild gezeigten Schrauben lösen. Dies ist also etwas, das sich auf Tour nicht mehr korrigieren lässt und lieber in der heimischen Werkstatt erledigt wird. Der Vorgang des Anprobierens und Justierens muss dann solange wiederholt werden, bis es eben passt. Nicht unbedingt ein Highlight, aber unausweichlich.

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Insbesondere der vordere Teil ist, je nach Skischuh, gefährdet, wegzurutschen wenn die Schlinge nicht stramm genug sitzt. Am Scarpa Alien fällt zudem der Korb eher breit aus. Das werde ich sicher noch etwas zurecht biegen.

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Im Schnee gibt das Eisen guten, sicheren Halt. Im Grunde merkt man vom Gewicht nichts. Leider konnte ich noch keine kompletten Blankeis-Stellen testen. Die Erfahrung mit dem Nanotec Eispickel lässt mich aber auf Camp vertrauen. Das Alu-Material der Italiener funktioniert auch bei blankem Eis sehr, sehr gut.

Zu beachten bleibt, dass die Löcher (das Steigeisen verwendet wie eine Dynafit Bindung die Löcher im Skischuh) beim Anziehen mit Schnee verstopft sein könnten. Logischerweise muss man hier dafür sorgen, dass der Schnee nicht den korrekten Sitz verhindert und man schnell ohne Eisen dasteht.

Der Riemen des Eisens ist zur Verhinderung des Totalverlustes gedacht, darüber hinaus hat er meiner Meinung nach aber nur optischen nutzen. Am Scarpa Alien kollidiert er etwas mit dem Rad des Verschlusses, was aber nicht dramatisch ist.

Um auf die Diskussion vom Anfang zurückzukommen: Kann man von höherem Risiko sprechen, wenn man das Camp Race 290 einpackt?

Auf einer Skitour anstelle von Stahleisen ergibt sich kein Effekt auf die Sicherheit durch den Leichtbau des Eisens im Sinne der Steigeisen-Qualität. Sehr wohl aber ein Effekt beim Gewicht und damit bei der Geschwindigkeit. Will sagen: Die Wahl fällt ohne Bedenken auf das Camp Race 290.

Bei langen Eispassagen ist es ein Abwägen.

Sobald Felskontakt ins Spiel kommt hilft ohnehin nur noch die Wahl von Stahl. Das Steigeisen wäre deutlich zu schade, um es bei Felskontakt zu zerstören.

Für Skitourenrennen sind die Camp Race 290 alternativlos. Wo immer die Regularien ein Steigeisen vorschreiben, man aber von sportstättenähnlichen Bedingungen ausgehen kann, sollte kein Gramm zu viel im Rucksack sein. Mit der genannten platzsparenden Verstauung geht auch einher, dass man die Steigeisen sehr einfach aus der entsprechenden Tasche/dem Fach des Rucksacks bekommt.

Somit zeige ich mich rundum zufrieden und packe das Material entsprechend ein.

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