Chamonix 2015 – nicht ganz, aber fast

Nachdem ich seit März sehr gut trainiert hatte, waren die Erwartungen an Chamonix hoch. Wir hatten in 2014 eine gute Saison erwischt und konnten mit dem Migot Pfeiler an der Aiguille du Chardonnet auch eine anspruchsvolle Tour machen.

Logischerweise war die Erwartungshaltung im laufenden Jahr angepasst worden, mit dem Wetterhorn und Zinalrothorn hatte ich schon zwei gute Gipfel gemacht. Die Fitness passte und es sah während des perfekten Wetters den Juli über nach einer sicheren Sache aus. Bis dann…

Eine Woche vor Abfahrt passierte der Sturz mit dem Bike. Völlig unnötig, überflüssig und mehr als ärgerlich. Bikestürze sind für mich ja nichts neues, aber nachdem ich das ganze Jahr nicht auf dem Rad war, hätte es nicht unbedingt bei der ersten Fahrt geschehen müssen. Im Krankenhaus wurden die Wunden gesäubert und verbunden, die geprellte Rippe sollte ohne weiteres Zutun ausheilen. So weit, so gut. Oder auch nicht gut.

Beim ersten Verbandswechsel zeigte sich der Arzt erstaunt von der guten Wundheilung, ich war etwas beruhigter und mit dem neuen Pflaster passierte eine so immens gute Wundheilung, dass ich trotz tiefer Cuts sicher war, nach Chamonix fahren zu können. Einzig die Rippe sollte ein Fragezeichen bleiben. Hier zeigte sich aber auch eine gute Tendenz, warum also nicht.

Dann kippte das Wetter. Eine Kaltfront setzte den Starttag von Samstag auf Sonntag. Bei leichtem Regen stiegen wir dann direkt zur Albert 1er Hütte auf, um von dort zu starten. Später wollten wir dann auf den bei uns beliebten und bekannten Campingplatz in Les Praz wechseln.

Auf der Hütte angekommen wünschte ich mir dann schnell, wir hätten nicht nach den Verhältnissen gefragt. Kopfschütteln bei der Hüttenbelegschaft zu Migot (völlig unmöglich), ein geschlossenes Table-Colouir an der Aiguille du Tour, eine blanke Nordwand an der Tete blanche. Der heiße Juli hatte seine Spuren hinterlassen.

Tour – Grandes Fourche

Nach moderater Weckzeit, Aufstehen und Frühstück ging es gegen 5:30 los in Richtung Grandes Fourche. Wir entschieden uns gegen den Normalweg und legten eine eigene Spur in den aperen Gletscher.

Kurz nach Start dann ein massiver Felssturz direkt am Einstieg zum Migot-Pfeiler. Wir erinnnerten uns an die Worte der Hüttenwartin und waren froh, nicht dort zu sein, wo Steine in Richtung Gletscher donnerten.

Wir machten recht rasch Strecke und kamen bald an den Bergschrund zum Grat, der uns in Richtung Gipfel führen sollte. Wie erwartet war der Bergschrund bereits heikel, der Schnee weitestgehend weg und nur eine einzige, semi-zuverlässige Brücke übrig. Wir hatten auf das zweite Eisgerät verzichtet und so stieg ich mit flauem Gefühl im Magen über die Brücke und die dahinterliegende Schnee-Stufe. Der Schnee hielt kaum, das Gerät rutschte mehrfach durch, bevor ich dann langsam Höhe gewann. Ich redete mir einfach konsequent ein, dass Schnee und Eis genau mein Ding seien und es doch eigentlich super sei. Das half etwas. Gleichwohl war ich froh, als ich einen Stand einrichten konnte.

Um auf den Grat zu kommen, mussten wir noch eine kleine Schneeflanke hinauf, erreichten dann den Grat wie geplant und begannen mit der Suche. Die Routenbeschreibung ließ uns mit vielen Fragezeichen zurück. Bereits nach wenigen Metern begann ein Puzzle, dass wir nicht würden lösen sollen. Man kann festhalten: Ohne zumindest einigermaßen soliden Beschrieb sind Grattouren nicht trivial. Wären wir falsch gestiegen, dann hätte das möglicherweise gröbere Schwierigkeiten mit sich gebracht. Nach etwas Probieren, beinahe nicht reversiblem Klettern und einigen Flüchen brachen wir dann ab. Retour über den Bergschrund und zurück zu den Spuren. Um den Tag nicht komplett leer laufen zu lassen, gingen wir noch auf die Petite Fourche, hier lag auch dankenswerter Weise eine Spur drin.

Mit leicht hängendem Kopf, aber trotzdem froh, endlich in Chamonix zu sein, ging es dann zurück zur Hütte.

Tour – Arete de la table, Aiguille du Tour

Am nächsten Tag, angesichts schlechter Verhältnisse an beinahe allen Bergen und vergessener Keile (lagen im Auto), entschieden wir uns für Tag 2 dann für den „Table“-Grat auf die Aiguille du Tour. Eine gute Entscheidung, das kann ich vorwegnehmen.

Der Zustieg über bekannte Gletscherroute anstelle des Normalwegs war abermals solide zu gehen und zügig erledigt. Wir folgten den Spuren einer 2er-Seilschaft vor uns und gelangten an den Einstieg. Entgegen der Beschreibung mussten wir die Integrale klettern, da das Colouir, welches eigentlich zum Einstieg führt, ja nicht begehbar war (nach dem Felssturz vom Vortag war ich auch nicht besonders motiviert, es auf einen Versuch ankommen zu lassen).

Die Seilschaft vor uns war deutlich schneller unterwegs als wir, aber es blieben im Neuschnee Spuren, die uns ein Folgen ermöglichten. Ganz eindeutig: Ohne diese Spuren hätten wir deutlich länger gebraucht und es wäre sicher noch etwas ernsthafter gewesen. Nichtsdestotrotz, wenn die Spuren nun mal da sind, warum sollte man diesen nicht folgen. Erstbesteiger werden wir alle nicht mehr…

Mit der ersten Kletterstelle haderten wir etwas, so völlig kalt und dann ohne Absicherung zu starten war nicht trivial. Danach wurde es aber leichter und der Grat ließ uns schnell an Höhe gewinnen. In einfachem Gelände lief das Seil zwischen uns mit, immer wieder hinter Köpfeln platziert oder mitunter an Friends. Die Stufen, die es zu klettern galt, nahmen wir entsprechend vorsichtiger. Für uns eine gute Möglichkeit, rasch zu sein und gleichzeitig sicher unterwegs. Einen Komplett-Absturz hätte es so nicht gegeben (das 50m-Halbseil lief zudem noch doppelt).

Wir führten abwechselnd bis dann die Schlüsselstelle am Table erreicht war. Hier gab es offensichtlich zwei Möglichkeiten (entsprechend Beschreibung). Ausgesetzt auf den Tisch, mit geringerer Schwierigkeit, dafür weniger Absicherung. Oder eine 4c Seillänge hinauf. Aber in jedem Fall musste man auf den verflixten Tisch, beziehungsweise nahe daran vorbei.

Ich traute mir die ausgesetzte Seillänge zu und stieg von Axel gesichert ein. Anfangs ließen sich noch zwei Friend platzieren, dann war es mit einer weiteren Schlinge auch vorbei. Jetzt stand ich knapp 10 Meter höher, auf einem Felsabsatz vor dem eigentlich Tisch. Gemäss Beschrieb sollte es helfen, gross zu sein. Ich bin mit 1,86 sicher nicht klein, wäre in dem Moment aber gern 2,20m groß gewesen. Der Tisch ist fast völlig frei von Griffen, einige Fingerkuppen-große findet man mit suchen. Mit viel Wunschdenken sah ich in einem 4 Millimeter Tritt, auf dem ich einen Zacken des Steigeisens platzieren konnte, meine Lösung. Nur, um beim ersten Versuch, den Tritt zu belasten, abzurutschen. Glücklicherweise war ich da aber noch nicht richtig gestartet. Hier zu fliegen würde mich 2-3 Meter bis zur Schlinge befördern, um dann auf dem Vorsprung darunter jäh zum Halten zu kommen. Es bestand eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, den Urlaub umgehend zu beenden. Ich dachte, zögerte, kalkulierte, schaute bestimmt 1000 Mal nach dem Tritt. Nur, um dann in einem einzigen Zug auf den Tisch zu klettern. Das Gefühl lässt sich schwer beschreiben. Meditations-ähnliche leere im Kopf, einfach nur dieser eine Zug, der klappen MUSS. Es klappte, ich konnte über den Tisch spazieren und Stand machen. Axel kam über die Wand nach und wir gingen weiter in Richtung Vorgipfel.

Wenn man die Crux passiert hat, geschieht bei mir im Kopf eine Art Umdenken. Ich will einfach weiter zum Gipfel, Schwierigkeiten gehen mir danach kolossal auf den Geist. Ärgerlicherweise gab es noch kleinere Schwierigkeiten und vor allem einen deutlich ausgesetzteren Weiterweg. Axel ging voraus, wofür ich dankbar war und so gelangten wir an den Vorgipfel. Weiter zum Hautpgipfel gelangten wir leicht, nur um dort zu Grübeln, wie es eigentlich hinunter ging.

Zu unserer Schande muss man eingestehen: Wir hatten abgebrochen, den Rückweg nachzulesen. „Return on normal route“… ok, passt schon. Kein dramatischer Fehler, aber es hätte nicht sein müssen. Wir fanden glücklicherweise abermals Spuren, folgten diesen unschwierig zurück zum Gletscher (auch hier kein trivialer Übergang über den weit offenen Bergschrund). Zurück zum Col du Tour, nach mehrfacher Orientierung und mittlerweile einer nicht unerheblichen Portion Ibuprofen. Meine Rippe meldete sich immer mehr zu Wort und schien aufgrund der Kletterpartie wenig begeistert.

Wir gelangten unproblematisch zur Hütte. Dort griffen wir nach unserem Material und stiegen hinunter ins Tal. Das alles in nach unten stärker werdendem Regen. Direkt an der Talstation hatten wir Glück, das letzte Zimmer im Hotel Olympique zu bekommen, sodass wenigstens eine heiße Dusche und etwas Material-trocknen möglich war.

 

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