Tour – Zinalrothorn Nordgrat

Nach der Tour am Wetterhorn war ein wenig die Luft raus. Wie soll man nach 2600hm Abstieg in brutaler Sommerhitze auch mit Freude ans Bergsteigen denken? Zumal noch mit den ausgestandenen Gefahren…

Das Gefühl hielt bis Dienstag nachmittag, dann war klar, dass wir ans Zinalrothorn fahren würden. Die Wettervorhersage passte nach wie vor gut und der Tour ins Wallis stand nichts im Wege. Zugegeben, die Anfahrt für ein Wochenende ist am obersten Limit, aber wenn Saison ist, muss man gewisse Dinge in Kauf nehmen. Um kurz nach 7 machten wir uns auf den Weg, gegen 11 erreichten wir in Zinal den grossen, kostenlosen Parkplatz. Nachdem der Rest der Schweiz sich scheinbar auf 5 CHF eingeschossen hat (Peak am Wetterhorn mit 17 CHF für anderthalb Tage!), eine angenehme Abwechslung.

Da Tibor mit einer Erkältung schon die ganze Woche über einen Kampf ausgefochten hatte, durfte ich das Seil tragen. Hätte das 30m Seil gereicht, wäre das auch kein gröberes Problem gewesen, ärgerlicherweise mussten wir mit einem alten, viel zu schweren 50m Einfachseil antreten. Das aufgrund der eingerichteten Abseilstände und ihrem Abstand gemäss Tourenführer.PANO_20150711_142546

Der Hüttenzustieg entpuppte sich mit 14km und 1200hm als einer der zähen Sorte, wenngleich beeindruckend schön. Man wandert aus der Vegetation bis in die karge Hochgebirgslandschaft, mit Dent Blanche und Obergabelhorn direkt vor Augen. Die Cabane du Mountet liegt im Talschluss, direkt zu Füssen von vorgenannten Bergen und dem Zinalrothorn.

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Glücklicherweise machten sich die vorherigen Wochenenden in der Höhe langsam bemerkbar und ich hatte auf 2886m nicht allzuviele Probleme. Für meine Ostalpen-Verhältnisse und Massstäbe allerdings schon eine sehr hoch gelegene Hütte (wenngleich es hier eine Vielzahl Hütten gibt, die noch höher liegen, keine Frage). Der Weiterweg erschien klar und wir ruhten uns den Rest des Nachmittags und Abends aus.

Camp Corsa Nanotech

Extra für die Tour hatte ich den Camp Corsa Nanotech Eispickel auf eine mir besser erscheinende Grösse gestutzt. Der Eispickel ist von mir mit 70cm schlicht und ergreifend zu lang gekauft worden. Aber wenn man die Wahl hat zwischen einem Tag das Petzl Quark in der Gegend herumzutragen (schliesslich ist das Gletscher- und Firngrat-Stück nur ein Bruchteil der Strecke) oder zur Säge zu greifen, dann ist die Wahl klar. Durch die rabiate Verkürzung muss ich nun aber auf den Sporn am Pickelschaft verzichten, was mich aber nicht sonderlich stört. Auch kann der Plastik-Pfropf seinen Job nicht mehr tun und der Schaft füllt sich mit Schnee. Da ich dies aber auch bei einigen Eispickeln im Geschäft gesehen habe, erscheint es für mich ok.

Was übrig bleibt ist: etwas über 50cm pures Leichtgewicht (weniger als 250gramm). Und dennoch ein beruhigendes Gefühl, auch bei Blankeis nicht völlig hoffnungslos unterwegs zu sein. An der Haue sind Alu und Stahl entsprechend miteinander verbunden, dass man auf den Eispickel jederzeit vertrauen kann. Am Zinalrothorn kein Thema, trafen wir schliesslich nur auf Firn und später recht sulzigen Schnee.

Nicht ganz optimal leider die Befestigung am Black Diamond Speed. Mit dem besonderen System und einem recht langen „Auge“ an der Haue sind Eispickel und Rucksack nur bedingt kompatibel. Es funktioniert aber, wenn man weiss, worauf man achten muss bei der Befestigung.

Axel benutzt den Corsa Nanotech schon seit Jahren und war damit unter anderem auf dem Montblanc. Hier hatte ich am Talschrund des Tacul seinerzeit die Chance, mit sowohl dem Petzl Quark als auch dem Camp Eispickel zu klettern, bzw die 2m Stufe an dem Schrund zu überwinden. Zugegeben, ein gerader Eispickel hat gewisse Nachteile gegenüber einem Eisgerät, das liegt nun mal in der Natur der Sache. Gleichwohl: Bei Firngraten ist die Form im Vorteil, bei leichten Touren in moderatem Eis oder Schnee eine top-Wahl. Ich hätte nur früher zur Säge greifen sollen, in der ursprünglichen Länge war auch bei 186cm Körpergrösse der 70cm Eispickel zu viel des Guten.

Zurück zur Tour.

Mit müden Beinen kämpfend bzw mit der Erkältung ging es über den Gletscher, Bergschrund und Firngrat. Im Fels verstiegen wir uns dann erstmal, was sich aber nicht wiederholen sollte. Die klettertechnischen Schwierigkeiten hielten sich in Grenzen. Einzig am „Rasoir“ musste man solide klettern und es ist in der Tat eine recht ausgesetzte Stelle. Nicht viel mehr aber als zuvor am Wetterhorn. Überhaupt ähneln sich die Touren, wenngleich die Felsqualität am Zinalrothorn über weite Strecken deutlich besser ist.

Wir machten kaum Höhe, der Grat verläuft recht lang fast waagerecht. Das zehrte an den Nerven, liess uns langsamer erscheinen als wir sein wollten und verschärfte die Lage zunehmend. Irgendwann stellten wir offen in Frage, ob wir zum Gipfel gehen sollten. Die selbst gesetzte Deadline rückte näher, es war zäh und die Moral litt weiter. Mit dem Bosses-Turm sollte eigentlich das letzte Hindernis vor uns stehen, Tibor stieg den Kletterabschnitt solide vor und auf einen Schlag machten wir 50 Höhenmeter. Das war der Durchbruch, der restliche Weg zum Gipfel war in wenigen Minuten gemacht. Die Gipfelrast fiel kurz aus, Fotos wurden nur pro forma gemacht, nicht aber aus Freude am grossartigen Panorama.

Nachdem es sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass der Gipfel im Alpinismus nur die halbe Miete ist, bemühten wir uns um einen raschen, aber soliden Abstieg. Unter keinen Umständen wollte ich die Erfahrung vom Wetterhorn wiederholen. Mit den vereinzelten Haken und einer grundsätzlich logischen Linie im Abstieg ging es bergab. Wir erreichten irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit den Gletscher, waren froh, die grössten Schwierigkeiten hinter uns zu haben und „nur“ noch knapp 1800hm Abstieg vor uns zu haben. An der Hütte versuchten wir bestmöglich, die Akkus aufzufüllen, bevor der lange Weg ins Tal bevorstand. Gegen 20 Uhr erreichten wir den Parkplatz, um 1 Uhr fiel ich in Zürich völlig erledigt ins Bett.

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