Tour – Wetterhorn

Allein vor dem Hintergrund des bergsteigerischen Erreichens hat sich der Umzug in die Schweiz bereits gelohnt. Sicher, es gibt auch eine ganze Reihe weiterer positiver Entwicklungen, aber die Berge stechen hervor. Mit dem Wetterhorn verbindet mich eine längere Beziehung, der erste Versuch in 2006 fiel ganz klar unter die Kategorie „völlig überfordert“. Gleichwohl haben wir uns nicht schlecht geschlagen, konnten mit grösserer Wunde im Schienbein (vom Steigeisen) allerdings den Gipfel nicht erreichen. Es gab einen weiteren Versuch, diesmal mit mehr Erfahrung unter dem Gürtel, aber für mich war der Gipfel zu weit weg. Nach dem Willsgrätli schon ziemlich müde, mit der Höhe und den Auswirkungen der Dehydrierung vom Vortag kämpfend erfolgte meine Aufgabe kurz unter dem höchsten Punkt. Angesichts der Tatsache, dass ich alle klettertechnischen Schwierigkeiten bereits erledigt hatte, wollte ich den Berg für mich zu den Akten legen. Das ging solange gut, bis ich Maliks „Management und Bergsteigen“ las und er zu deutlich darauf hinwies: Oben oder nicht oben. Es gibt nichts dazwischen.

Ich war nicht oben. Punkt. Als dann ein neuer Seilpartner den Berg ins Gespräch brachte, obsiegte schlussendlich der Wunsch, doch noch oben zu stehen. Mit einer gehörigen Portion Respekt und auch etwas Sorge. Wenn man etwas zu sehr versucht, nun ja, es kann auch nach hinten losgehen. Ich war mir ziemlich bewusst, die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen zu wollen. Der Hüttenzustieg ist kein Rennen, genug Wasser und Ruhe muss sein, all das war mir klar. Die Wegfindung zum Grat, noch viel mehr auf dem Grat, ist nicht trivial.

Gedacht, gesagt, halb getan. Schon beim Zustieg hatte ich mit Magenproblemen zu kämpfen, später kamen noch Kopfschmerzen dazu. Den Nachmittag in der Hütte lag ich flach, nur dankbar, dass aufgrund der kürzeren Anreise nun Zeit dafür war. Beim letzten Mal sassen wir vor dem Zustieg über 5 Stunden im Auto – mit entsprechendem Effekt auf Blutzirkulation in den Beinen. Mit etwas Ruhe wurde es aber besser, ich konnte den Spätnachmittag noch halbwegs geniessen und war zuversichtlich für den kommenden Tag. Bettruhe war trotzdem schon um 21.00 für mich.

Aufstehen um 3.00 Uhr, schneller Griff des Rucksacks und Frühstück fassen. Es herrschte einiger Auftrieb an der Hütte, aber es stellte sich schnell heraus, dass doch nur wenige Seilschaften das Willsgrätli angehen würden. Wir kamen gut voran, fanden den richtigen Weg auf den Gletscher und pünktlich zur Dämmerung gab der Akku meiner Stirnlampe den Geist auf. Wir erreichten den Grat, kamen auch hier gut voran, am Seil gehend. Die Wegfindung ist relativ kompliziert, mal links, mal rechts, man darf sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Der Fels wechselt dazu noch häufig, damit einhergehend auch die Qualität.Am Grat

Am Ausstieg vom Grat war ich ziemlich begeistert vom Vorankommen. Nicht langsam, obwohl als Seilschaft noch nicht eingespielt, kamen wir bei recht viel Schnee an den Wetterhornsattel. Den Weg zum Gipfel konnten wir weitestgehend im Schnee absolvieren. Ich wurde lediglich durch An- und Ausziehen der Alu-Steigeisen gebremst. Am Gipfel herrschte dann bei mir weniger Freude als gedacht, es war keine Erleichterung. Wissend, dass der Abstieg über den Grat noch bevorstand, auch kein grosses Wunder. Während wir zunächst gut vorankamen, passierte dann im unteren Teil ein gröberer Fehler.

Dass ich nun so offen darüber schreibe, ist auch eine Art, es zu verarbeiten. Keinesfalls soll es heroisch klingen oder den Ablauf herunterspielen. Wir haben hier den Bogen klar überspannt. Dass die Sehne nicht gerissen ist, war gut, aber nicht sicher.

Nachträglich konnte ich im GPS Track sehen, dass wir nur wenige Meter am Grat zu weit gelaufen waren. Nach unten strebend, mit wenig Bereitschaft, nochmal zu schauen, zu suchen und eventuell sogar 5 Meter aufzusteigen, gerieten wir in eine Sackgasse. Statt dass aber einzusehen verliessen wir den Grat in Richtung einer Flanke. Diese stellte sich rasch als deutlich steiler heraus als gedacht. Gleichzeitig war der Fels von unterirdisch schlechter Qualität. Alles bröckelte, mit dem Fels auch meine Zuversicht. Fatalerweise spielte mir mein Kopf einen Streich, ich kann im Nachhinein nicht beantworten, wie es dazu kommen konnte. Nach wenigen Metern fing ich an zu glauben, dass ich, wenn ich die ersten Meter ja schon geschafft hatte, auch die restlichen bewältigen könne. Und dass es dort unten, nur wenige Meter weiter, schon flacher würde. Wir brauchten eine Ewigkeit. Mit Mühe und Not erreichten wir irgendwann wieder den eigentlich Weg.

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Erst am Abend, auf dem Sofa liegend, wurde mir bewusst, dass es ziemlich knapp war und deutlich zu viel des Guten. Nach all den Jahren wieder massive Fehler am selben Berg.

Den Rest des Abstieges brachten wir dann einigermassen solide hinter uns. An der Hütte gab es noch Rösti, bevor wir dann bei brutaler Hitze ins Tal abstiegen. Die Höhendifferenz von 2600m machte sich bemerkbar, irgendwann wankte ich nur noch weiter, um rechtzeitig vor Ablauf der Parkuhr am Hotel Wetterhorn zu sein. Nach zwei Stunden Schinderei dann die Feststellung, dass ich mir die Zeit falsch gemerkt hatte und eigentlich noch 45 Minuten länger hätte brauchen dürfen. Sei es drum.

Mit Red Bull bewaffnet ging es an die Heimfahrt, ein langer, anspruchsvoller Tag lag hinter uns.

 

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2 Gedanken zu “Tour – Wetterhorn

  1. Das Wetterhorn ist ja ein prächtiger Berg und herausfordend.
    Da war wirklich eine gute Portion Glück dabei, bei eurem Abkommen vom Wege. Gerade wenn der Fels so verdammt bröckelig ist. Aber ihr seid heile wieder zurück gekommen. Das ist gut.
    Mehr Fotos hätte ich noch gerne gesehen 🙂
    Sonnige Grüße
    Conny

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