Rennbericht – Jennerstier 2014

Überhaupt bei den Deutschen Meisterschaften im Skibergsteigen anzutreten war schon vermessen. Es handelt sich hierbei logischerweise nicht um ein Hobby-Rennen, wie mein letztjähriger Versuch im Gamsrenna noch als solches bewertet werden konnte (wobei auch dort eine Reihe sehr starker Athleten vor Ort war).

Nachdem die ARD aber Skibergsteigen als „hip und cool“ bezeichnet hat, stieg meine Hoffnung, nicht der einzige im Feld zu sein, der den Sport nebenbei betreibt. Insbesondere dieser Tage, da ich munter 50+ Stunden Wochen aneinanderreihe. Dem war leider nicht so, es gibt immer noch keine Breitensport-Szene und zu wenig Bekloppte, die völlig verlangsamt dennoch bei einer DM starten.

Skitouren an sich sind dabei schon nicht wirklich Breitensport (und somit ergibt sich auch keine Amateurszene in den Rennen). Stattdessen gibt sich vermutlich der Großteil der Einsteiger damit zufrieden, eine Piste raufzulaufen. Die Vermeidung der Gefahr wird dann zur Begründung angeführt, wobei das Argument vorgeschoben erscheint. Ich unterstelle die reine Konsumabsicht, man hat sich mit der Risikobewertung überhaupt nicht auseinandergesetzt. Was ich wiederum festmache an Aussagen wie „Im Gelände fahre ich nicht, Lawinen kann man überhaupt nicht kalkulieren“ oder „Ich laufe nur auf der Piste, das reicht mir, sonst kann ich die Gefahr nicht einschätzen“. Letztere Aussage soll noch einmal näher betrachtet werden: „nur auf der Piste“ impliziert das Wissen, dass es noch etwas darüber hinaus gibt. Etwas Größeres, Erstrebenswertes. „das reicht mir“ klingt genauso erbärmlich wie „ich gehe heute nur in den Nichtschwimmerbereich, bis zum Knie ist ja auch im Wasser“ oder „das Konzert will ich nicht live erleben, im Radio ist auch gut“. Leben bedeutet Herausforderungen anzunehmen und Zustände nach eigenem Gutdünken zu verändern.

Nun sei dem Urheber des Zitats zu Gute gehalten, dass zumindest eine Gefahr erkannt wird. Denn die gibt es, da beißt die Maus keinen Faden ab. Auch nach einer alpinen Ausbildung bleibt ein Restrisiko, aber dieses lässt sich eben besser einschätzen. Wenn die Reaktion auf Risiko Verzicht ist, dann hoffe ich für die Kandidaten, dass dies nur im Skitourensport so gehalten wird, denn andernfalls wäre es ein tristes Leben.

Zurück zu meiner aussichtslosen Gesamtsituation beim Jennerstier. Zwei Wochen lang hatte ich quasi im Büro gewohnt und nicht trainiert, da ich zu allem Überfluss auch noch mit den Nachwirkungen einer Krankheit zu kämpfen hatte. Das sind bereits schlechte Vorzeichen für ein Rennen, ganz zu schweigen von einem solchem Rennen (ich stellte mich also innerlich auf einen langen Tag des Weit-Hinterherlaufens ein). Gleichzeitig wollte ich unbedingt starten. Schließlich habe ich die Rennski nicht gekauft, um sie dann lediglich in Hochfügen die Piste hoch zu bemühen.

Im Startblock war die Aufregung spürbar, ich muss ehrlich sagen, für mich einer der schönsten Momente eines Rennens, wenn es kein zurück mehr gibt, alle drauf warten, endlich loslaufen zu dürfen, die Anspannung in der Luft greifbar wird. Nachdem es in dem Sinne mein erstes Rennen war, gab es eine deutliche Unsicherheit hinsichtlich des Tempos. Zu schnell gestartet und die Explosion folgt 100 Höhenmeter weiter oben, mitten im Hang und vermutlich mitten im Feld, in das man eigentlich nicht gehört. Zu langsam gelaufen und man kommt ohnehin nie wieder an irgendjemand heran. Ich ging es zügig an, in der Hoffnung, nicht zu weit durchgereicht zu werden. Das ging auch eine Weile gut, bis dann die Magenkrämpfe einsetzten. Immer wieder überholt werdend, begann ich zu überlegen, auszusteigen. Nur mal kurz angedacht, denn ich hatte ja eine Weile auf dieses Rennen gewartet und wollte es eigentlich auch komplett erleben. Nachdem ich das bisschen, was ich im Magen hatte, nicht mehr mitschleppen musste, beruhigte sich die Lage. Das ganze passierte kurz vor der Tragepassage, die mir wahnsinnig viel Spaß gemacht hätte, wäre ich nicht völlig entleert (im wahrsten Sinne des Wortes) umhergestolpert (auch im wahrsten Sinne des Wortes). Am Jenner-Gipfel gelang mit Mühe und Not das Vorbereiten der Abfahrt. Da die Felle ja noch einmal 300hm für den zweiten Anstieg halten mussten, hatte ich einige Sorge, den Wechsel zu vergeigen und die Klebefläche durch den Schnee zu ziehen. Es ging aber gut.

Zur Abfahrt kann man nichts anderes sagen als: Ich habe mich runter-gestorben. Immer in der Hoffnung, niemand möge mich sehen. Unten dann ausgerechnet in einer buckeligen Querung die Mutter allen Übels, eine Fernsehkamera.

Es sei ergänzt: Vor Kameras bin ich immer ein wenig gelöster und deutlich risikobereiter. So auch vor dieser, mit gnadenlos überhöhter Geschwindigkeit schoss ich an dem Kamerateam vorbei, mich selbst versichernd, dass ich bei ausbleibendem Sturz eine gute Chance auf meine 15 Sekunden Ruhm hätte (nur im Fernsehen, das Rennen war zu diesem Zeitpunkt schon lange gelaufen)

Die direkt danach folgende Wechselzone übersah ich zunächst gönnerhaft und wäre wohl ohne die mich zurückhaltenden Streckenposten ohne Steigfelle in den Anstieg gegangen. Warum ich nicht, schließlich war ich auf dem besten Weg zum Fernsehstar. Die Felle klebten zu meiner Beruhigung recht gut und die letzten 300hm konnten angegriffen werden. Es lief unverhältnismäßig, beinahe überraschend, gut. Bis dann nach diversen Spitzkehren offenbar wurde, dass sich ein Fell vom Ski zu lösen begann. Mein persönliches worst-case-Szenario des Tages, weil ich noch nicht in ein zweites Paar investiert hatte. Somit ging ich wie auf rohen Eiern weiter, was der Geschwindigkeit logischerweise wenig förderlich war. Durch den Schneefall und Nebel war auch nicht recht absehbar, wie lang die Odyssee sein sollte. Das Fell löste sich sukzessive und mir blieb nur mehr, so schnell wie möglich und gleichzeitig fell-schonend zu laufen.

Es endete dann recht unspektakulär, indem sich das Fell genauso von mir verabschiedete wie eine Stunde zuvor noch mein Mageninhalt. Ich trennte mich infolgedessen auch von meinem Ski, trug diesen jedoch am Rucksack noch mit; ich ging davon aus, ihn an einem anderen Tag nochmal zu brauchen. Mit dem Handicap stieg es sich deutlich weniger zügig, nicht besonders rhythmisch und auch nicht effizient. Aber manche Dinge kann man nicht ändern und muss sie nehmen, wie sie sind.

Alles in allem hat sich das Rennen genau so dargestellt, wie ich es erwartet hatte. Beziehungsweise erhofft. Eine Prüfung, ohne besondere Aussicht auf Erfolg, außer dem für mich selbst definierten.

Denn während das Ergebnis schlussendlich eine kalte, weil mit dem Schlagschatten des Digitalen versehene Realität darstellt, bleibt daneben die eigene subjektive Bewertung des Ganzen. Diese ist es auch, die einem die innere Glut erhalten kann wieder zu starten. Diese Bewertung beschönigt nicht das Ergebnis, aber sie kann ihm ein anderes zur Seite stellen. Ordentliche Wechsel und kein durchrutschendes Fell im Anstieg waren meine persönlichen Ziele und beide gelangen.

Unter diesem Aspekt muss dann auch die Entwicklung bewertet werden. Gelernt habe ich, dass meine Spitzkehren noch Arbeit bedürfen und ich vielleicht etwas mehr unter der Woche schlafen sollte. Immerhin.

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