Gedanken über Risiko im Bergsport und die Verantwortung von Autoren

Erika, die mit ulligunde ein sehr spannendes Bergsport-Blog betreibt, hat einen guten Job gemacht, wenn es um das multichannel-Marketing geht. In keinem Portal, in dem ich aktiv bin, habe ich den Link nicht gesehen und in einigen, in denen ich nicht aktiv bin, war er auch noch drin (versteht mich nicht miss, ich finde das sehr gut. Harte, zielgerichtete Arbeit an einem Blog bedeutet, die Links breitestmöglich zu streuen).

Logischerweise trifft der Link zu einer Tour (in diesem Fall die Winterbegehung des Hindelanger Klettersteigs) auch solche Leser, die den Charakter der Tour nicht korrekt einschätzen können. Da man die Leserschaft im Internet nicht auswählen kann, ist damit zu rechnen. Per se stellt das natürlich kein Problem dar. Wenn ich Häkeltipps geben würde, müsste ich mir aller Wahrscheinlichkeit nach nie Gedanken um die Tragweite der Artikel machen, die ich online stelle. Die Sachlage ändert sich aber mit dem Schreiben über potentiell riskante Aktivitäten, Bergsport im Gegensatz zu Häkeln gehört dazu.

Was Erika nun in einem weiteren Artikel durchdenkt (und die Gedanken abermals mit der Leserschaft teilt), ist die aus dem Bericht über eine Tour resultierende Verantwortung. Meiner Meinung nach ist das eine umfangreiche Replik wert, die über das Kommentarfeld hinausgeht. Somit folgen hier meine Gedanken dazu und eine Diskussion ihrer Annahmen.

Ausgehend vom Teilen des Artikels, also der Information und Fotos zu einer bestimmten alpinen Unternehmung, werde unterschiedliche Rezipienten auf das Geschriebene aufmerksam. Im modernen Umfeld des Internets lässt sich bspw. bei Facebook instantan die digitale Reaktion erfahren.  Ich vermute, dass hieraus auch die Initialzündung für Erikas Verwunderung entstand. Denn viele derjenigen, die ihre Tourenbeschreibung lasen, gaben umgehend an, die Tour auch machen zu wollen.

Diesen Aspekt betrachte ich persönlich als vollkommen unkritisch. Diese Meinungsbekundung passierte digital. Auf dem Sofa liegend, iPad in der einen, heiße Schokolade in der anderen Hand haltend klickt es sich schnell auf: „Will ich auch“. Für den Leser resultiert hier auch kein Handlungsdrang. Er oder sie kündigt einfach mal an, das auch zu wollen, unabhängig von persönlicher Erfahrung, Ausrüstung oder Ausbildung. Nachdem Felix Baumgartner aus der Kapsel sprang, hätte ich vermutlich auch auf „Will ich auch“ geklickt. Diese Art der Aktivität, nämlich die rein digitale, kann man meiner Meinung nach so Ernst nehmen, wie eine Korrelation zwischen „Kämpfen Schumi“ Facebook Gruppen und seiner tatsächlichen (hoffentlich baldigen) Gesundung zu vermuten [was Der Postillon entsprechend satirisch auch aufgreift].

Verändert sich Risiko nach Erfolg?

Die Risikobewertung einer Tour, die im folgenden überdacht wird, ist etwas, das zunächst nur die Seilschaft betrifft. Erst bei einer groben Fehleinschätzung werden sukzessive andere in die Lage hineingezogen, schlimmstenfalls die Bergrettung. Einer Winterbegehung mit einer gehörigen Portion Respekt zu begegnen, ist meiner Meinung nach unabdingbar. Im Nachgang, nach erfolgreichem Verlauf aber zu glauben, die Tour sei deshalb leichter, halte ich für nicht zielführend. Kletterstellen werden nicht dadurch leichter, dass man sie geschafft hat. Vielleicht war es persönlich ein guter Tag, der Kopf hat gepasst an Stellen, vor denen man früher noch Panik hatte. Unter der Maudit-Schulter (der steilsten Passage der Drei-Berge Route auf den Montblanc) war ich psychisch einfach gut drauf. Aber steil blieb die Flanke unter mir auch nachdem ich den Ausstieg oben an der Schulter erreicht hatte. Mit einem Halbseil vorzusteigen und vor dem Stand zu merken, dass man nicht ausreichend Seil haben wird, kann auch tierisch schief gehen. In unserem Fall hat es geklappt, ändert aber nichts an der Steilheit, der Notwendigkeit, dort zu sichern und gegebenenfalls zu improvisieren. 

Ebenso verhält es sich mit der Risiko-Einschätzung für den Hindelanger Klettersteig. Hier muss man übrigens festhalten, dass „Gefahr“ und „Risiko“ von Erika und mir offensichtlich synonym verwendet werden, ich aber letzteres persönlich zutreffender finde.

Das angerissene Thema das konsequenten Fortschritts und der Entwicklung ist vermutlich Kern der Gedanken um Verantwortung. Denn hier entsteht die Informationsschieflage, die tatsächlich eine Verantwortung zur Folge haben könnte.  Bevor Axel und ich den Montblanc als Gipfelziel ausgesucht haben, gab es viele, viele gemeinsame Touren. Lange Jahre der Vorbereitung und des Lernens. Intensive Vorbereitung hinsichtlich Technik, Kondition und Wegplanung. Ein Beispiel: Bevor ich die Watzmannüberschreitung gemacht habe, war ich solo am Hochkalter. Bevor ich das aber machen konnte, habe ich diverse Überschreitungen und Grattouren gemacht (zum Beispiel am Spitzingsee). Bergsport funktioniert nur so. Von klein nach groß, nicht von null auf hundert und dann einfach umdrehen. Es gibt in den Bergen kein „einfach umdrehen“. Das zeigt auch die hohe Zahl von Rettungen aus Klettersteigen. Einfach zu gehen, bis ich nicht mehr kann, hat in den Bergen fatale Konsequenzen.

Wird aus Schreiben Verantwortung?

Grat

Wenn nun ein Erlebnisbericht eine Tour zum Inhalt hat, die die oben beschriebene Vorbereitung notwendig macht, dann wird diese selten mitgeliefert. Und während man bei Profis stets unterstellt, dass diese sich fortwährend intensiv vorbereiten, mag das bei einem Outdoor-Blog nicht der Fall sein. Bericht und alpinistischer Background sind entkoppelt. Als in meinen Blog-Statistiken zur Watzmannüberschreitung die Suchanfrage „Watzmannüberschreitung Anfänger“ immer mehr wurde, bekam ich auch Angst. Angst, dass Leute aufgrund meines Schreibens in eine Situation geraten, derer sie nicht Herr werden können. Resultat war die Ergänzung eines Absatzes, der genau das ausräumen soll.

Aber kann nun Schreiben ursächlich für eine Verantwortung sein? Ich denke, nein. Zur Verdeutlichung muss man die Situation einfach auf den Kern zurückwerfen und das ist die Entscheidung am Berg.

– Würde ich mich verantwortlich fühlen, wenn jemand meinen Spuren folgt? Nein.

– Fühle ich mich verantwortlich, wenn jemand zwei Haken auslässt, so wie ich es zuvor getan habe? Natürlich nicht.

Für das Handeln eines anderen wird man am Berg dann zur Rechenschaft gezogen, wenn man aktiv darauf einwirkt. Deshalb mache ich das auch nicht. In der Gipfelflanke des Palü löste sich bei der mir unbekannten Bergsteigerin vor mir das Steigeisen. Mehr als sie darauf hinzuweisen wollte ich zunächst nicht machen. Denn wenn ich es wieder fixiert hätte und es löst sich später abermals, dann wäre ich verantwortlich. Natürlich hätte ich ihr zu keinem Zeitpunkt Hilfe verweigert, aber danach wurde ich auch nicht gefragt. Im Gegenteil, sie wollte mit losem Eisen weitergehen. Auf die fahrlässige Handlung habe ich sie aus oben genanntem Grund nicht extra hingewiesen. Wenn jemand glaubt, mit losem Steigeisen durch eine Firnflanke steigen zu wollen: Nur zu! Es ist nicht meine Aufgabe zu erziehen, nicht meine Aufgabe zu ermahnen und erst recht nicht meine Aufgabe zu richten. Helfen, retten, aus Notlagen befreien: Immer und jederzeit, auch unter Gefahr für Leib und Leben. Aber erst dann, wenn sich jemand anderes offensichtlich nicht mehr selbst zu helfen weiß.

Unwissenheit und daraus resultierende törichte Handlungen zu diskutieren würde den Rahmen dessen sprengen, was ich in einem Artikel für zumutbar halte. Im Grunde wird meine grundsätzliche Haltung dazu aus meinen Gedanken zu Lawinen-Airbags deutlich: Blow em – Thoughts on airbags and avalanches

Ich kann und will Erika nicht abschließend exkulpieren. Gleichwohl erachte ich ihre Tourenberichte als konservativ und sehe, dass Risiko nicht verschwiegen wird (im Gegenteil). Solange also Mark Twights Formel von „Aktion-Bericht=0“ auch hier anwendbar ist, unterstelle ich keine Verantwortung für die Handlung anderer. Aber wie gesagt, hier bin ich abermals nicht Richter noch vollumfänglich über die Motive derer, die die Tour wiederholen informiert.

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3 Gedanken zu “Gedanken über Risiko im Bergsport und die Verantwortung von Autoren

  1. Hat dies auf Streifzügler rebloggt und kommentierte:
    timrasmus ergänzt hier einen Artikel zu einem Thema, dass nicht nur im Bergsport überaus wichtig ist und nach wie vor zu wenig Beachtung findet: Es geht um Risiko und Verantwortung, sich und anderen gegenüber. Darf ich alles mit einer anonymen Leserschaft teilen oder sind bestimmte Dinge zurückzuhalten?

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