Tour – Montblanc Traverse

Hier der Bericht zur schönen Montblanc Traverse. Lang, groß, herrlich:

Wir gelangten in 6,5h Stunden auf den Gipfel von der Cosmique Hütte, einer sehr schönen, hervorragend geführten Hütte. Trotz des mitunter hohen Andrangs behält die Hüttenwirtin hier einen kühlen Kopf, ebenso wird  keine Reservationsgebühr fällig, wie auf der Gouter-Hütte. Ihrer Meinung nach widerspräche das dem Bergsteigen (man muss auf der Gouter 30 Euro vorab zahlen und erhält diese nur wieder, wenn man zwei Tage im Voraus storniert). Durchaus richtig, wer will sich schon genötigt sehen, bei schlechtem Wetter dennoch aufzusteigen, um irgendwelchem Geld hinterher zu laufen oder aber, noch schlimmer, zu früh absagen, weil das Wetter schlecht werden soll. Und wenn es dann doch hält, ist die Reservierung weg.

Die Hütte war dann auch recht leer, was eben an der Schlechtwetter-Prognose lag. Wir waren nichtsdestotrotz guten Mutes, weil der Bericht schon die vorherigen drei Tage falsch war. Nach ordentlichem Abendessen früh uns ins Bett, schließlich hatten wir uns bereits für 1 Uhr zum Frühstück eingetragen. Selbst mit Ohropax wurde nicht viel aus gutem Schlaf. Zu groß dafür die Tour des folgenden Tages und die damit verbundene Vorfreude und Aufregung.

Ein Uhr Nachts ist nicht die Zeit, zu der der Körper mit Frühstück rechnet. Überhaupt war das einzige bisherige Training für Nahrungsaufnahme zu seltsamen Zeiten der Ausflug zur Dönerbude nach durchzechter Nacht. Mit einer Schüssel Kaffee und einigen Bissen Brot gestärkt, standen wir um 1.42 vor der Hütte. Eine gewisse Hektik, wie sie üblich ist, war zu spüren. Bereits angeseilt verließen wir die Hütte und es ging in Richtung Tacul-Schulter.

Bereits der Bergschrund wurde für die vor uns steigende Seilschaft (italienisches Ehepaar mit Bergführer) zu einem ernsthaften Hindernis. Nicht völlig zu Unrecht, da eine anderthalb Meter breite Spalte überwunden werden musste, auf deren gegenüberliegender Seite eine 2m hohe Eis-Hürde lag. In dieser waren aber bereits gute Tritte, sodass es eigentlich ohne größere Probleme möglich sein sollte. Könnte man meinen bei Aspiranten für diese Route auf diesen Berg.

Ärgerlicherweise war das bei den besagten Personen nicht der Fall. Während der Bergführer mit zwei Eispickeln noch recht solide hinüberkam, wurde es bei der Frau schon ein ernsteres Manöver. Mit einem Karabiner am Seil hatte der Bergführer ein Gerät zurückgeschickt, sodass die Frau zwei hatte. Dieses elegante Manöver schickte sie sich an zu wiederholen. In dieser Sache erscheint nachvollziehbar, dass man hierbei beide Eispickel am Seil befestigen muss. Eine Einschätzung, die die Italienerin offensichtlich nicht teilte und kurzerhand ein Gerät in die Spalte entsorgte. Diese war zum Glück der Seilschaft schneegefüllt und das Gerät hielt nach einem halben Meter an. Ihr Mann konnte es bergen und dann ähnlich ungeschickt den Weg fortsetzen. Das Manöver kostete die Gruppe 15 Minuten. Uns im Anschluss nichtmal 5. Zwei Minuten davon entfielen darauf, dass ich kritisch prüfte, ob der Karabiner auch wirklich im Eisgerät und Seil hing.

Die Tacul-Flanke ist im Schein der Stirnlampe eine schöne Passage. Man sieht nichts von den Gletscherbrüchen über einem und merkt auch nicht, dass es rechterhand direkt nach Chamonix hinabgeht. Die vor einigen Tagen heruntergekommene Lawine kreuzt man dabei und wird still ermahnt, dass man sich in einem Umfeld objektiver Risiken bewegt, die sich nie ganz ausschließen lassen. Wir konnten in diesem Abschnitt die Italiener überholen und waren recht zügig an der Schulter des Tacul. Nach einer kurzen Pause ging es weiter, erst sachte bergab, dann zügig unter die Maudit-Schulter.

Dieses ist die steilste Passage des gesamten Tages und wir erwarteten es mit einer inneren Spannung. Rein optisch hatten wir bei der Akklimatisierung am Tacul die Gelegenheit genutzt, die Stelle aus der Ferne in Augenschein zu nehmen. Der Bergschrund sah überwindbar aus, das Stück danach aber sehr steil. Am Vorabend hörte ich in der Hütte noch Gipfelsieger davon sprechen, dass sie die komplette Flanke abgeseilt hätten, weil es zu steil gewesen sei.

Wir stiegen parallel am Seil, was nur der Tatsache geschuldet war, dass wir nicht schnell genug umgeschaltet hatten. Mit Erleichterung habe ich dann auf halber Wandhöhe Axels „Hier ist ein Fixseil“ vernommen. Er konnte dann sogar über einen Stand sichern, von dem aus ich in Richtung Schulter weiterstieg. Nur von einem Halbseil gesichert ist vorsteigen ohnehin eine wackelige Angelegenheit, aber im Schein der Sicherheit stieg es sich recht selbstsicher. Jäh unterbrochen wurde die Freude über die schöne Kletterei oberhalb von 4000m in Fels und Eis von Axels „Noch 4 Meter Seil“. Da waren es aber noch 7m bis zur Schulter, von wo ich hätte sichern können. Ich begann mit viel Wille eine Schraube zu setzen. Für einen Mastwurf und HMS hätte das Seil nicht mehr gereicht, also baumelte an der Schraube kurzerhand mein Kong Duck und ich stieg weiter, als Axel begann, nachzukommen. Bis zum Stand oben an der Schulter war es ohnehin nur ein Run-out. Axel kam völlig verwundert an die Schraube, hatte ich doch in einer Schneewand eines der wenigen Eisstücke freigeschlagen. Möglicherweise hätte die Schraube sogar gehalten.

Nach dieser Stelle sollte es auf dem Weg zum Gipfel eigentlich keine technischen Passagen mehr geben. Wir setzten also guten Mutes, den Gipfel zu erreichen, unseren Weg fort. Auf dem Col du Brenva konnten wir uns dann über einen herrlichen Sonnenaufgang freuen. Während die Wolken über den Dent du Geant, Grandes Jorrasses und die Aiguille de Rochefort zogen, ging eine feuerrote Sonne direkt über dem Matterhorn auf.

Ab 4500m wurde die Luft dann langsam dünn. Axel schlug ein wahnwitziges Tempo an und nur die Tatsache, dass wir mit einem Seil verbunden waren hinderte mich daran, zurückzufallen. Gleichzeitig hatte ich die Stimmen der CrossfitMunich Trainer im Kopf, die mich antrieben, weiterzugehen (und auf meine Form zu achten, was mir ab 4700m zunehmend blödsinnig vorkam).

Der Höhenmesser war mittlerweile unter diversen Bekleidungsschichten vergraben, wir konnten also nicht runterzählen. Den Gipfel fest im Blick, brauchte es das auch nicht. Die letzten Schritte zum Gipfel ließen dann alle Anspannung abfallen. Lange Vorbereitung, intensive Gedanken um Planung und alle möglichen Szenarien, all das von Erfolg gekrönt.

Wir standen auf dem höchsten Gipfel der Alpen und je nach Meinung auch dem höchsten Europas.

Um uns herum perfekte Fernsicht, bis ins Berner Oberland. Die Berge des Wallis beinahe zum Greifen nahe, die gesamte Montblanc Gruppe um uns herum. Teilen mussten wir den Gipfel nur mit einer weiteren Seilschaft. Unwirklich kam uns nicht die Landschaft vor, sondern die Fotos, die 50 Bergsteiger auf dem Gipfel zeigen.

Was nun folgte ist nicht genau zu überliefern, in jedem Fall entschieden wir spontan, die Überschreitung zu machen. Meiner Meinung nach war das von Anfang an Axels Ziel, er wollte mich nur nicht zu früh damit konfrontieren. Gleichwohl, einen Berg zu überschreiten ist eine deshalb so ernste Angelegenheit, weil man nicht weiß, auf was man sich einlässt. Den Montblanc über die Goutier Route zu verlassen, erschien uns aber nicht als Ding der Unmöglichkeit. Diese Route ist technisch die einfachste, meistbegangen und häufig versuchen sich an diesem Weg auch solche, die es besser nicht täten.  Amateuren am Bosses-Grat zu begegnen erschien mir dann auch als größte Gefahr.  Die ersten Meter sahen aber noch recht leer aus, keine Menschenschlangen wie auf den Fotos, sodass wir uns zügig an den Abstieg und damit die Überschreitung machten.

Nach einiger Zeit erreichten wir auf 4300m das Vallot-Biwak. Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, dass der Abstieg noch eine Weile dauern würde, hielt ich es doch fälschlicherweise zuerst für die Gouter Hütte. Diese erreichten wir dann eine Weile später, um direkt danach in den felsigen Teil des Abstiegs überzugehen. Dieser hatte uns überhaupt davon abgehalten, die Route zu wählen, da eine gewisse Steinschlaggefahr im Zustieg gegeben ist. Das gilt natürlich ebenso für den Abstieg und sorgte für Anspannung. Das Grand Colouir, berüchtigt für den häufigen Steinschlag, durchquerten wir mit der Methode „Usain Bolt“. Einer hielt nach Steinen Ausschau, während der andere versuchte, auf 3400m Höhe eine neue 100m Bestzeit aufzustellen. Die geringe Dichte der Luft wurde ärgerlicherweise nicht zum Vorteil, ebensowenig die Wahl der Schuhe. Was kein Weltrekord wurde, reichte dennoch, um den Steinen aus dem Weg zu gehen.

Es folgte der unspektukuläre und zähe Abstieg zur Bahnstation Nid d’Aigle. Eine Stunde in der Zahnrad-Bahn erschien uns als größere Pein denn die Überschreitung des Montblanc. Das mussten wir aber genauso in Kauf nehmen wie die Tatsache, dass Zahnbürste und Hüttenschlafsack noch auf der Cosmique-Hütte lagen.

Es folgte ein Ruhetag, der dazu genutzt wurde, die vielen herrlichen Eindrücke sacken zu lassen und das Erreichen dieses großen Zieles zu würdigen.

 

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